04.09.2006

6. Internationale Schwerlasttagung

Zum sechsten Mal fand am Wochenende die Internationale Schwerlasttagung statt. „Keine Angst vor schweren Brocken“ – unter diesem ironischen Motto stand die von der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Bauingenieurwesen, ausgerichtete Veranstaltung diesmal. Treibende Kraft dahinter war und ist Prof. Dr.-Ing. Jürgen-Michael Poelke. Er rief - und sie kamen: gut 150 Fachteilnehmer, seien es Hersteller, Betreiber oder andere Fachleute aus angrenzenden Bereichen, um sich über das Heben, Senken und Transportieren von Lasten zu Wasser, zu Lande und in der Luft zu informieren.

Prof. Dr.-Ing. Poelke


Ein Schwerpunkt lag auf dem Thema Logistik im Hafenumfeld. Florian Marten, zuständig für Unternehmenskommunikation bei der Hamburger Hafen und Logistik AG, sprach vom Hafen- und Güterumschlag als einem „heftig prosperierenden Markt“, dessen Wachstumsrate in sämtlichen Prognosen grundfalsch eingeschätzt worden sei. Allein der Containerumschlag in Hamburg, so Marten, dürfte von 1995 bis 2015 um den Faktor sieben in die Höhe schnellen.

Jährlich legt diese Boombranche zum Teil im zweistelligen Prozentbereich zu. Trotz der phantastischen Aussichten leide dieser Wirtschaftszweig an „enormen Wachstumsschmerzen“, die es durch Flächenerweiterung und vertikalen Ausbau der Blocklager zu lindern gelte, meinte Marten. Ähnliches Schwergewicht unter den nordeuropäischen Häfen ist auch Antwerpen, der Exporthafen für fast alle großen deutschen Stahlproduzenten, wie Joeri Tielemans, Commercial Advisor der Hafenbehörde Antwerpen, mitteilte.

Marcel Modler von Gottwald Port Technology stellte Gottwalds Krane und Logistikangebote für die Hafenindustrie vor, wie zum Beispiel die neue Generation 5 der Hafenkrane, welche bis zu 200 Tonnen Last schultern können. Der Unterwagen verfügt über sechs bis zehn einzeln steuerbare Achsen und beherrscht 25 Grad Krebsgang. Anstelle des Unterwagens sind auch Portal oder Ponton möglich. Der Oberwagen besteht aus zwei vollständigen Stockwerken à 2,5 Meter Höhe. Zwei dieser G HMK 8710 sind beispielsweise ins italienische Porto di Carrara gegangen, wo sie Marmorblöcke und andere Güter „händeln“.

Den „maritimen Block“ komplettierten Peter Hahn und Sune Thorleifsson vom Schiffskontor Altes Land, einer Reederei im Schwergutbereich. Die Krane an Bord der Schiffe weisen eine Hebekapazität von 500 bis 750 Tonnen auf, wobei die Neubauten künftig bis zu 1.750 Tonnen heben können werden. Ein deutlich über fünf Minuten langes und mit Chillout-Musik unterlegtes Firmenvideo stieß zumindest bei einigen Teilnehmern auf Unverständnis.

Gut 150 Teilnehmer zählte die Tagung in Potsdam


Auf ganz andere Einsatzbereiche hob Jörg Mazana, Geschäftsführer der Helog GmbH, ab, und zwar auf Hubschrauber im Schwerlasteinsatz. Bis zu 20 Tonnen kann beispielsweise der weltgrößte Hubschrauber, ein Mi-26 aus russischer Produktion mit stattlichen 22000 PS, heben und transportieren, den Mazana unter anderem zu seiner Flotte zählt. Die Mehrzahl der Einsätze wird allerdings von kleineren Helikoptern geflogen. Solch ein „fliegender Kran“ kommt bei ihm mit vier Flughelfern und eigenen Anschlagmitteln, um so Einsätze im Gebirge, beim Seilbahnbau, zum Transport von Spezialtanks oder zur Montage eines Gasmischers zu fliegen, um nur einige der zuletzt durchgeführten Einsätze aufzuzählen. Und so ein „Heli“ kommt ohne Flugplatz aus. Nur bei Nebel, Sturm, Gewitter oder nachts kann er nicht ausrücken. Weitere Einschränkung: Die Nutzlast muss mindestens zwei Tonnen betragen.

Über Fluid-Systeme im Schwerlastbereich informierte die Hebetec Engineering AG aus der Schweiz. Das APS, Air-Pad-Sliding-System, ist quasi bereits eine Weiterentwicklung des Fluid-Systems. „Wir haben den Schiffsbau durch diese Methode revolutioniert“, verkündete Daniel Schäuble stolz. Bei HHI in Korea kommt solch ein System beim Bau von Tankschiffen zum Einsatz. Dafür entfallen die Trockendocks. Um 105 Meter wird eine Masse von 22.500 Tonnen mit 52 Metern pro Stunde verschoben. Dazu sind 140 APS-Module sowie vier PPUs mit einer Hubkapazität von knapp 40.000 Tonnen im Einsatz. Bereits mehr als eine Million Bruttoregistertonnen wurden so bei HHI verschoben. Schäuble schwärmte denn auch von einer „Fließbandproduktion von Tankschiffen“.

Daniel Junker und Erich Möschler von der VSL (Schweiz) AG berichteten von zwei gigantischen Litzenhub-Projekten, dem 90-Grad-Schwenk zweier 1.250 Tonnen schwerer Stahlskelette am neuen Berliner Hauptbahnhof sowie dem Absenken von 15 Detektorelementen für das Europäische Kernforschungszentrum CERN in Frankreich, nördlich von Genf. Mehr hierzu können Sie in der kommenden Ausgabe von Kran & Bühne lesen. Mit solchen Größenordnungen kennt sich auch die belgische Firma Sarens S.A. aus. „1000 Tonnen verfahren oder heben mit Gittermastkranen auf Raupen ist nach wie vor interessant“, meinte Dirk Verwimp.

Martin Steinkühler, Projektleiter der Max Bögl Bauunternehmung, informierte über den Bau der 2. Strelasundquerung (siehe Kran & Bühne Dez. 2005). Ein Brücken-Projekt ganz anderer Art stellten die Felbermayr Schwerlast GmbH, ehemals Wirzius, und Greiner vor: ein System zum Überbrücken von Brücken sozusagen. Warum das? Wenn eine Brücke auf 60 Tonnen Fahrzeuglast ausgelegt ist, aber 200 Tonnen transportiert werden wollen, ist eine Entlastung des Bauwerks erforderlich.

„Pontafax“ heißt die Lösung, bestehend aus einer statischen und einer dynamischen Komponente, also Brückenträgern und Hubtechnik. Auf einer Brücke wurde so zum Beispiel 148 Meter Fahrstrecke beim Transport des weltgrößten Pressesystems für die A380-Fertigung zurückgelegt. Die Lasteinteilungspunkte wurden über GPS abgemessen. Nur drei Monate dauerten Planung, Konstruktion und Fertigstellung des patentierten Systems. Es stieß auf viel Interesse beim Publikum.

Ein weiterer Themenblock war „Trucks and Trailers“. DaimlerChrysler skizzierte die Vorteile von LKWs nach BlueTec 5: Imagegründe und Kosteneinsparungen (Stichwort: Maut). MAN zeigte Trend und Innovationen bei Schwerlastzugmaschinen auf.

Schwergutlogistik per Linienschiff auf Rhein, Main und Neckar – diese interessante Alternative zur Straße skizzierte die Spedition Kübler, die das so genannte „Rhine Project“ mit dem niederländischen Partner Interrijn BV initiiert hat. So können Hersteller ihre bis zu 500 Tonnen schweren und 11 Meter hohen Lasten zum Beispiel auf dem Wasserweg von Mannheim nach Rotterdam transportieren lassen. Großer Plus dieses Transportweges, so Heinz Rößler, Geschäftsfüherr der Spedition Kübler, ist die verkürzte Laufzeit. Gegenüber dem Transport mit Tieflader auf der Straße betrage die Einsparung fünf bis 20 Tage, was einen Preisvorteil von 30 bis 70 Prozent bedeute.

In der abschließenden Diskussionsrunde zwischen Wolfgang Wieder (Tadano Faun), Gerhard Kaupert (Grove), Walter Länge (Liebherr Nenzing) und Klaus Meissner (Terex-Demag) wurden neue Maschinen und Tendenzen bei Mobilkranen vorgestellt und erörtert, darunter die Zunahme der Elektronik, die Kontroverse um den Schlüsselschalter und die uneinheitliche Achslast für LKW in der EU. „Alles, was über 12 Tonnen geht, ist für mich ein Geschoss“, meinte Kaupert.

Alles in allem lieferte die Tagung eine Fülle hochinteressanter Informationen und spannende Einsatzberichte – bewegende Reportagen von bewegten Lasten. Auch bewegte Bilder, so der jüngste Trend, kamen häufiger zum Einsatz. Die Besucher waren angetan. „Die Mischung macht’s“, beschrieb Andreas Kohler, Fa. Scheuerle, den Reiz der Veranstaltung. Norbert Laukant von der Laukant Kranverleih GmbH stimmt zu: „Qualifizierte Beiträge vom Fachmann für den Fachmann. Ich bin begeistert!“ Und auch Prof. Poelke war sichtlich zufrieden.

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